… wenn Du die Stars und Promis der Jugend von heute nicht mehr kennst

Stars und Promis der Jugend

Kürzlich war ich mit meiner lieben Kollegin Marie bei einem beruflichen Termin in Düsseldorf. Wir fahren die Strecke von Dortmund aus immer gerne mit der Bahn. Deshalb mussten wir auf dem Rückweg am späten Nachmittag auch wieder durch den Hauptbahnhof. Im Eingangsbereich gibt es eine große Buchhandlung. In der Feierabend-Zeit ist dort eigentlich immer recht viel los. Was aber an diesem besonderen Tag dort los war: Un-fass-bar!!

Von der hinterletzten Ecke der Buchhandlung einmal quer durch den gesamten Laden, an der Kasse vorbei durch die Eingangstür bis in die Eingangshalle, an den Fahrkartenautomaten entlang und unter der Anzeigetafel hindurch bis zu den ersten U-Bahn-Zugängen – und dann bestimmt noch mindestens fünfmal so lang (!) war die Menschenschlange, die sich im Düsseldorfer Hauptbahnhof gebildet hatte. Eigentlich waren es noch keine vollwertigen Menschen, sondern größtenteils pubertierende Jugendliche. Das hat uns die Rest-Babyspeck-Ansammlung in ihren Gesichtern verraten.

„Hurra, ein Promi-Auflauf!“ – Ganz neugierig und leicht sensationsgeil haben wir uns in die Buchhandlung vorgekämpft und wollten natürlich umgehend sehen, welcher Star sich dort wohl gerade blicken lässt. Eine Schauspielerin? Ein TV-Moderator? Vielleicht eine bekannte Band? Wir wurden enttäuscht: Der Tisch für die anstehende Autogrammstunde war noch nicht besetzt. Also mussten wir uns eine Verkäuferin suchen, um die drängende Frage zu stellen: „Wer kommt denn gleich?“ – Ihre Antwort fiel kurz aus: „Shindy, ein Rapper.“ – Unsere Reaktion auch: „Aha.“

„Wer is’n das? Kennt man den?“

Unseren Dialog haben wir dann lieber vor der Tür fortgesetzt: „Wer is’n das? Kennt man den?“ – „Keine Ahnung.“ – Wir haben dann einfach mal ein paar der jungen Fans angesprochen und uns bestätigen lassen: „Shindy, jo, den kennt man doch!“ – Das muss man sich nochmal vor Augen führen: Da warten viele hundert Kids, gleichermaßen Jungs und Mädels, auf einen Kerl namens „Shindy“, und wir haben in unserem ganzen langen Leben noch nicht ein einziges Mal von diesem Typen gehört. Dieser Moment fühlte sich mal wieder an, als hätte ich erneut das Prüfsiegel auf die Stirn tätowiert bekommen: „Offiziell alt!“

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Das geht mir in letzter Zeit öfter so. Mein Freund und ich haben vor einigen Wochen eine Einladung zum Webvideopreis 2016 erhalten – als Zuschauer natürlich. Die Preisverleihung war recht aufwändig und wie eine klassische TV-Gala umgesetzt, für so ein hippes modernes Business erstaunlich konventionell, aber in jeder Hinsicht professionell und wirklich angenehm unterhaltsam. Eine schöne Alternative zum Fernsehpreis der großen TV-Sender, der ja leider mittlerweile in der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht mehr stattfindet.

Schon auf dem roten Teppich vorm Eingang haben wir uns jedenfalls gefragt, wie es denn diese ganzen jungen Fans über die Absperrung geschafft haben, ohne aufgehalten zu werden. Und warum werden diese frechen Jugendlichen nun auch noch so fleißig interviewt? Und wo bleiben eigentlich die Promis hier?

Kurz gesagt: Wir haben diese vermeintlichen jungen Fans später wiedergesehen – auf der Bühne mit einer Trophäe in der Hand! Was wir nicht wussten: Viele von ihnen gehören wohl zu den erfolgreichsten YouTube-Stars in Deutschland mit mehreren Millionen Abonnenten und unendlich vielen „Klicks“ und „Likes“, den Promi-Währungen der Neuzeit. Wie kann es nur sein, dass diese aktuellen VIPs wie Julien Bam, Melina Sophie oder die „Lochis“ so unbemerkt an uns vorbeigegangen waren – nicht nur hier auf dem roten Teppich, sondern auch im gesamten letzten Jahr? Vom YouTube-Trio „Y-TITTY“ hatte ich ja zumindest mal in der klassischen Presse gelesen. Dass die sich längst wieder getrennt haben und jetzt bestimmt große Solo-Karrieren starten oder sowas, war nur eine kleine Randnotiz an diesem Abend.

… und früher?

Früher habe ich ja nur den Kopf geschüttelt, wenn Erwachsene unsere damaligen Berühmtheiten nicht kannten: „Wie kann man denn die aktuellen VIVA-Moderatoren nicht kennen?“ – „Wie kann man nicht mitbekommen, welche Boygroups gerade Fans auf der ganzen Welt begeistern?“ – „Wie kann man nicht wissen, wer aktuell bei „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ mitspielt? (Ja, damals hatten wir noch nicht so viel Zeitdruck, dass wir Serientitel abkürzen mussten.)

Heike Makatsch und Mola Adebisi, „Take That“ und „Caught In The Act“, Andreas Elsholz und Oliver Petszokat (ja, auch der musste sich damals noch nicht abkürzen) waren für die meisten unserer Eltern vermutlich nur irgendwelche unwichtigen talentfreien Gestalten, die es zufällig auf den Bildschirm geschafft haben. Wir haben diese Figuren übrigens auch nicht alle hemmungslos verehrt oder ausnahmslos angehimmelt. Wir haben sie – offen gesagt – auch nicht alle für große Talente gehalten. Aber: Wir kannten sie. Wir kannten ihre Gesichter, und wir wussten, womit sie ihr Geld verdienen. Wir hätten sie in der U-Bahn oder im Restaurant erkannt und hätten ihnen auf der Straße hinterhergeschaut. Nur Selfies konnten wir aus Mangel an Smartphones noch nicht mit ihnen machen. Also mussten wir sie uns in der BRAVO anschauen, auf gedrucktem Papier. Hey, es waren die 90er-Jahre …

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Eines habe ich mir damals jedenfalls geschworen: Ich will nicht einer von diesen ignoranten Erwachsenen werden, die nicht mehr wissen, worauf die Teenies so abfahren. Ich muss dabei nicht alles gut finden, aber ich will es zumindest kennen. Ich will zumindest im Ansatz verstehen, warum und wofür bestimmte Typen so erfolgreich und beliebt sind.

… und heute?

Beim Webvideopreis haben wir Julien Bam (Gewinner in der Kategorie „Person Of The Year – Male“) dann einfach kurz angesprochen. Ihn für seine kreative Video-Kunst gelobt. Ein wenig väterlich, ein wenig überheblich, aber aus tiefstem Herzen nett gemeint. Wahrscheinlich verdient der Knabe längst mehr Geld als ich und Du zusammen. Immerhin haben wir uns am nächsten Tag die Zeit genommen und uns seine bisherigen Werke bei YouTube „reingezogen“. (Sagt man das heute noch so?) – Jetzt würde ich ihn zumindest vielleicht eventuell ggf. auch auf der Straße erkennen.

Die „Lochis“, diese nervigen aufgedrehten YouTube-Zwillinge, machen mittlerweile Werbung für die Sparkassen und schauen von diversen Litfaßsäulen auf mich herab. Wahrscheinlich verdienen auch diese Knaben längst mehr Geld als ich und Du und wir alle zusammen. Darauf bin ich nicht neidisch, aber es beeindruckt mich. Wenn ich sie bei der Preisverleihung nicht wahrgenommen hätte, würden sie mir wohl auf den Plakaten nicht sonderlich auffallen. Ich gehöre sicher auch nicht zur Zielgruppe dieser Kampagne. Anders als in ihren Videos hört man die „Lochis“ in dieser Form wenigstens nicht singen.

Wir waren übrigens nicht die ältesten Zuschauer beim Webvideopreis 2016. Auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft war zur Preisverleihung gekommen. Ich unterstelle ihr dabei nicht nur politisches Kalkül: Sie wirkte ernsthaft interessiert und hat das Gespräch mit vielen jungen Menschen gesucht. Ob sie die „Lochis“ wiederum vorher schon kannte und einordnen konnte, weiß ich nicht.

Ich habe an diesem Abend für mich gelernt: Jede Generation hat offenbar ihre Lieblinge. Auch wenn ich mich für noch so interessiert, weltoffen und berufsjugendlich halte, werde ich nicht alle Stars und Sternchen der heutigen Jugend mitbekommen können. Als berufstätiger End-Dreißiger ist das auch kaum möglich. Dass die Kids heute komplett andere Medien- und Plattformen nutzen, um sich über und mit ihren Idolen auszutauschen, erschwert die Situation für mich gewaltig. Mein Vorsatz: Ich will mir trotzdem immer wieder mal gezielt die Zeit nehmen, einige dieser Phänomene zu ergründen und mich mit ihnen vorurteilsfrei auseinanderzusetzen – in Zukunft sicher auch hier im Blog.

… und „Shindy“?

Meine Kollegin Marie und ich haben übrigens noch am Bahnsteig in Düsseldorf bei Wikipedia nachgelesen, wer denn nun eigentlich dieser „Shindy“ ist. Shindy ist ein deutschsprachiger Rapper und ist bei Bushido unter Vertrag. (Den wiederum kennt man ja wohl!) Für seine Alben hat Shindy sogar Goldene Schallplatten abgeräumt. Seine Autobiographie, die der Rapper mit 27 (!) Jahren veröffentlicht hat, heißt „Der Schöne und die Beats“ und landete auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestseller-Liste. Ein deutscher Rap-Musiker sorgt also dafür, dass unser Nachwuchs über Stunden geduldig und brav in einer Reihe steht und vor allem wieder Bücher liest. Zugegeben: DAS hat Oli P. damals nicht geschafft.

Über welche Promis der „Jugend von heute“ bist Du schon gestolpert – und kanntest sie nicht? Erzähle Deine Geschichte gerne hier in den Kommentaren!

... und Deine Meinung?