… wenn Du „Snapchat“ nicht verstehst

Snapchat-Geist mit altem Mann

Seit einer Weile bin ich wieder vermehrt bei Facebook unterwegs – sowohl privat als auch beruflich. Wenn man die Timeline-Einstellungen ein wenig anpasst, nur relevante Seiten abonniert und vor allem nervige „Freunde“ aussortiert, kann der tägliche Blick in das Soziale Netzwerk wirklich viel Freude machen. Auch Twitter mag ich sehr gerne, zum Beispiel um mich über aktuelle Ereignisse zu informieren, lesenswerte Artikel zu entdecken oder live über TV-Sendungen zu lästern diskutieren. Wie schrieb Moderator Jan Böhmermann im März 2016 so schön: „Bei Facebook sind die Dummen. Bei Twitter sind die Schlauen. Ist so.“

Es gibt natürlich noch viele weitere Dienste: WhatsApp ist als Alternative zur kostenpflichtigen SMS schon seit einigen Jahren etabliert. Außerdem pflege ich Profile bei XING und LinkedIn, zum Beispiel um Job-Kontakte zu pflegen. Mein Google+-Profil dagegen liegt die meiste Zeit über brach. Auch Soziale Netzwerke wie Instagram, Tumblr und Pinterest habe ich mir irgendwann mal angeschaut, deren Ausrichtungen haben für mich persönlich aber keinen Mehrwert. Man muss ja auch nicht auf jeder digitalen Hochzeit tanzen.

Und dann kam „Snapchat“. Plötzlich tauchte dieser Geist mit gelbem Rahmen auf. Bemerkt habe ich ihn zuerst in Form von Profilbildern in anderen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Immer häufiger hat sich das Geister-Logo dort in die Timelines geschmuggelt. Dass hinter eine gar nicht mehr so neue Smartphone-App steckt, habe ich vermutlich als allerletzter gecheckt.

Ein Messenger-Dienst mit Selbstzerstörungs-Mechanismus?

„Snapchat“ also. Wie bei jedem Hype: Irgendwann berichten „die Medien“ darüber – spätestens wenn junge Praktikanten oder Volontäre das Thema in die Redaktionen tragen. Als ich bei Spiegel Online, BILD.de & Co. die ersten Artikel über „Snapchat“ gesehen habe, war ich immer noch nicht angefixt: Ein Messenger-Dienst mit Selbstzerstörungs-Mechanismus? Nachrichten, Fotos und Videos, die sich selber löschen? Ich war mir sicher: Brauch ich nicht!

Das Buch zum Blog - jetzt bestellen!

Allein im Google Playstore wurde „Snapchat“ schon mehr als 100 Millionen mal heruntergeladen. Mehr als 8 Millionen Nutzer geben der App überdurchschnittliche Bewertungen. Der Erfolg hat mich neugierig gemacht. Mein persönliches Umfeld weiß, dass ich viel Freude an technischen Neuheiten und Spielereien habe. Ich will zumindest immer wissen, wie die Dinge funktionieren und worin jeweils der Reiz liegt. Meine Überzeugung: Nur wenn ich mir aktuelle Trends zumindest mal anschaue und Neues selbst ausprobiere, kann ich mir eine faire Meinung bilden. Deshalb habe ich „Snapchat“ irgendwann doch installiert, dann vorfreudig auf das gelb-weiße Geister-Logo getippt, mich in wenigen Schritten registriert und schließlich ganz einfach eingeloggt.

Dann bin ich gescheitert.

In Kürze: Bei „Snapchat“ gibt’s keinen Willkommens-Gruß, keine Bedienungsanleitung, nicht mal eine Kurz-Erklärung mit bunten Piktogrammen. Stattdessen springt sofort die Smartphone-Kamera an. Was soll ich denn jetzt tun? Einfach drauf los knipsen? Wo landet denn eigentlich das, was ich jetzt fotografiere? Ich hab doch auch noch gar keine Freunde, Fans oder Follower!

Als nächstes klicke ich intuitiv auf die unbeschrifteten Icons, merke aber nicht, ob dadurch überhaupt irgendwas passiert. Ich wische also orientierungslos durch die Menüs. Irgendwie muss man hier doch mal weiter kommen. Die angebotenen Funktionen sagen mir alle nix. Die Beschriftungen kommen mir kryptisch vor. Schulterzuckend schließe ich die App. Ich hab’s probiert. Ich gebe auf.

Okay, ich bin zu blöd für „Snapchat“!

Wenn ich mich unter Freunden und Bekannten umhöre, bin ich offenbar nicht der einzige über 30, der mit „Snapchat“ auf Anhieb so gar nix anfangen kann. Aber woran liegt das? Ein Bekannter hatte mal eine schlüssige Erklärung parat: „Snapchat“ sei das erste digitale Phänomen, zu dem es keine klassisch analoge Entsprechung mehr gebe. Na klar, die Pinnwand bei Facebook hat was von einer personalisierten Zeitung, Instagram entspricht dem klassischen Fotoalbum, XING taugt als berufliche Visitenkarte, usw. – Wer nicht als totaler „Digital Native“ aufgewachsen ist, kann sich deshalb ja nur schwer tun, oder?

Das Buch zum Blog - jetzt bestellen!

Für mich als erfahrener Technik-Freund und selbsternannter Medien-Junkie ist das ein Schlag ins Gesicht: Ich bin zu blöd für eine Smartphone-App, die Millionen Teenager auf der ganzen Welt blind bedienen können! Ich erahne jetzt, wie sich Senioren fühlen müssen, die im Volkshochschulkurs zum ersten Mal vorm Computer sitzen und es nicht schaffen, mit der Maus einen Ordner anzuklicken. Jetzt bin ich offiziell alt!

Jede Generation braucht ihren Rückzugsraum

Andererseits: Was will ich denn überhaupt bei „Snapchat“? Meine Freunde und Bekannte sind dort eh nicht unterwegs und sind auch längst aus dem Alter raus, in dem man per Smartphone alberne Selfies mit spitzen Lippen knipst und einen künstlichen Sepia-Filter über das Foto legt. (Zumindest die meisten. ;-)) Lassen wir den Teenies doch ihre eigene Social-Media-Welt, in der sie sich wohl fühlen und unter sich sein können. Jede Generation braucht ihren Rückzugsraum. Bei Facebook ist die Gefahr mittlerweile viel zu groß, dass sie Freundschaftsanfragen von ihren Eltern oder gar Großeltern bekommen. Außerdem sind die jungen Nutzer wohl auch die anbiedernden Markenbotschaften der werbetreibenden Unternehmen leid, die die Facebook-Timeline mit Postings und Anzeigen fluten.

Wer sich trotzdem mal ausführlicher und systematischer mit „Snapchat“ auseinandersetzen möchte, dem möchte ich das kostenlose E-Book „Snap Me If You Can“ von Social-Media-Experte Philipp Steuer sehr ans Herz legen. Der Untertitel lautet: „Ein Buch für alle, die Snapchat endlich verstehen wollen“. Du fühlst Dich angesprochen? Dann wünsche ich Dir auf jeden Fall viel Erfolg. Ich bin aus dem Snapchat-Alter freiwillig raus – oder passender gesagt: Ich gebe den Geist auf!

Übrigens: Zu diesem Blog gibt es nun auch eine offizielle Facebook-Seite. Werde Teil der Community und lass uns auch dort gemeinsam alt werden!

... und Deine Meinung?