… wenn Dir Jüngere in der Bahn einen Sitzplatz anbieten

Festhalten in der Bahn

„Sie sind älter.“ – Mit diesen Worten bietet mir der junge Typ im Zug den soeben frei gewordenen Sitzplatz an. Dabei grinst er frech, so kommt es mir zumindest vor. Frech, irgendwie unverschämt – oder vielleicht einfach nur … nett?

Aus beruflichen Gründen fahre ich regelmäßig mit der Bahn von Dortmund nach Düsseldorf und zurück. Das ist in Stoßzeiten eine einzige Katastrophe, denn der RE1 ist nahezu immer proppenvoll. Die wohl meist frequentierte Bahnlinie in NRW führt quer durchs Ruhrgebiet und bringt Pendler von Bochum nach Duisburg, von Mülheim nach Essen, von Düsseldorf nach Dortmund. Wer morgens oder am späten Nachmittag in den Regionalexpress einsteigt, erlebt mit ziemlicher Sicherheit ein Fest für die Sinne. Ein schwitzender Schwarm schiebt sich durch engen Gänge. Nur mit Boxer-Qualitäten hat man eine realistische Chance auf einen Sitzplatz.

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Meist gäbe es es noch Sitzplätze. Die werden aber von Taschen, Rucksäcken und Köfferchen blockiert. Deren Besitzer daneben gucken unschuldig weg und tun so, als würden sie den Rummel drumherum gar nicht wahrnehmen. Also bitte, so schlecht schauspielert sonst nur der Cast von GZSZ. Wenn man dann darum bittet, den Platz doch freizugeben, muss man sich erst mal genervtes Schnauben anhören. Geht’s noch?

Einmal habe ich mich mit einer jungen Dame angelegt, die ihren kleinen Hund auf dem Nachbarsitz geparkt hatte, während drum herum jede Menge Menschen stehen mussten. Ihre Gegenrede: Das Tier sei ein Lebewesen und habe ja wohl auch ein Recht auf einen Sitzplatz. Bei aller Tierliebe: Den Köter habe ich so was von runter-vom-Platz-diskutiert!

„Es passt mal wieder alles zusammen“

Ich stehe also heute nach einer langen Sitzung auf dem Weg nach Hause im überfüllten Regionalexpress. Es passt mal wieder alles zusammen: Feierabend-Verkehr, diverse Verspätungen, Beginn der Sommerferien. Fehlt eigentlich nur noch ein Bahnstreik. „Wäre ich mal lieber zwei Stunden später gefahren“, denke ich mir und schiebe mich im Pulk durch die Reihen. Die Situation zieht mich nach unten, die schwere Umhängetasche mit Laptop auch. Jetzt kann mir nur noch positives Denken dabei helfen, die rund einstündige Fahrt zu überstehen.

Kurz vor der nächsten Haltestelle wird’s spannend: Wer steht gleich auf und gibt einen Platz frei? Sobald ein Sitzplätzler zuckt, gehen die Stehplätzler in Lauerstellung. Am Flughafen Düsseldorf passiert es dann: In Reichweite wird ein Platz frei. Mist, der junge Typ direkt vor mir ist näher dran. Er dreht sich um und schaut mich an, schaut auf den Platz, schaut wieder mich an. Ich verziehe den Mund: „Mir egal“, lüge ich – und zeige mit der flachen Hand auf den Platz. Ich bin zu K.O., um um den Platz zu kämpfen. Er schaut mich an, grinst frech und tritt einen Schritt zurück. „Sie sind älter“, sagt er spontan und lässt mir den Vortritt. Das kommt so unverschämt plötzlich, dass ich grinsen muss: „Na, schönen Dank auch.“ – Dann setze ich mich hin.

„Ich bin älter. Ist das so offensichtlich?“

Moment mal, ich bin doch erst 38 … Bietet man laut Knigge nicht nur klapprigen Senioren seinen Sitzplatz an? Ich fühle mich ungerecht behandelt. Vorsichtshalber schaue ich dem Typen nochmal genau ins Gesicht: Kein Fältchen am Auge. Wieder Mist, er hat recht: Er ist offensichtlich jünger. Ich bin älter. Ist das so offensichtlich?

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Zugegeben: Ich bin wirklich froh, den Rest der Fahrt über sitzen zu können. Wie soll sich das erst anfühlen, wenn ich mal doppelt so alt bin? Während ich die Fahrt im Sitzen genieße, tippe ich diesen kleinen Artikel ins Smartphone. Das hätte im Stehen bestimmt nicht so gut geklappt.

Eine Station später ergattert auch der Typ einen Sitzplatz. Das gönne ich ihm. „So ein höflicher junger Mann“, denke ich und freue mich über die gut erzogene Jugend von heute. Verdammt, ich werde alt! 🙂

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