… wenn Du laute Musik nicht mehr erträgst

Laute Musik - Teaserbild

„Bumm, bumm … bumm, bumm … bumm, bumm …“ – Seit ein paar Monaten lebt in der Wohnung unter mir eine junge Frau. Sie hat sich seit ihrem Einzug nie persönlich vorgestellt. Sie hat mich auch nicht zu einer Einweihungsparty eingeladen. Ich habe ihr zur Begrüßung aber auch keinen Kuchen vorbeigebracht. Wir sind hier ja auch nicht bei den „Desperate Housewives“, sondern in einem anonymen Mietshaus mitten in der Großstadt Dortmund.

Morgens im Hausflur grüßt die junge Frau jedenfalls sehr nett. Ich sehe sie nur selten, vielleicht einmal im Monat. Dass sie zu Hause ist, erkenne ich meist an den stylishen Turnschuhen, die sie auf der Fußmatte vor ihrer Wohnungstür abstellt. Und neuerdings auch immer öfter am lauten „bumm, bumm … bumm, bumm … bumm, bumm …“.

Ich kann ihr keinen ganz schlechten Musikgeschmack unterstellen. Sie hört eine Mischung aus aktuellen Chart-Hits und massentauglichen House-Beats. Manchmal rutscht auch ein lässiger Hip-Hop-Track dazwischen. Die Songs erahne ich in der Regel nur dank der Bässe. Und am Rhythmus, in dem mein Schreibtisch und mein Regal wegen der Bässe scheppern. Die junge Frau dreht die Musik meist so laut auf, dass meine komplette Wohnzimmer-Einrichtung munter vibriert. Auch die Wände und der Fußboden erwachen zum Leben. Selbst wenn ich den Fernseher einschalte oder selbst Musik höre, übertönen ihre Beats alles: „Bumm, bumm … bumm, bumm … bumm, bumm …“

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Los geht’s gegen 18 Uhr. Dann kommt sie offenbar von der Arbeit oder der Uni. Wenn ich Glück habe, wird’s kurz vor Mitternacht ruhiger. Mittlerweile weiß ich: Die stundenlange Extrem-Beschallung geht locker als neuzeitliche Foltermethode durch!

„Ich mag Musik nur, wenn sie laut ist …“

Früher hätte ich mich über die laute Musik vielleicht sogar gefreut. Das ist die gemeine Ironie an der Sache: Was die junge Frau da mit mir treibt, ist ganz sicher die gerechte Strafe für all die Jahre, in denen ich selbst diverse Nachbarn zur Weißglut getrieben habe.

In den 90er-Jahren habe ich angefangen, laut Musik zu hören. Richtig laut. Also so richtig richtig richtig laut. Jede verfügbare Stereo-Anlage habe ich bis zum Anschlag herausgefordert, gerne auch laut mitgegröhlt. Ekstatisch. Rücksichtlos. Wahnsinnig. Mir konnte man definitiv schlechten Musikgeschmack unterstellen. Wie ich schon sagte: Es waren die 90er-Jahre …

Besonders anstrengend muss es für angrenzende Bewohner wohl gewesen sein, wenn ich einen neuen Song für mich entdeckt und über Stunden in Dauer-Rotation abgefeuert habe – gnadenlos bis zur absoluten Text-Sicherheit. Bis heute kann ich kein Goethe-Gedicht auswendig, dafür aber die meisten Song-Texte der Bravo Hits Vol. 13 bis 27. Ein Hoch auf die „Repeat 1“-Taste am CD-Player!

Laute Musik hat mich über Jahre glücklich gemacht – sowohl zu Hause als auch unterwegs per Kopfhörer. Auch in Diskotheken und auf Partys konnte es mir kaum laut genug sein, egal ob die Boxen schepperten und krachten. Mein damaliges Motto: „Wer sich auf der Tanzfläche unterhalten will, ist beim Senioren-Tanz-Tee besser aufgehoben.“

Es ist wohl ein kleines Wunder, dass ich mir damals keinen Tinnitus als Andenken an die 90er eingefangen habe und jedes Ohren-Pfeifen immer nach ein paar Stunden verschwunden ist.

… und heute?

Am vergangenen Wochenende war ich auf dem Weg zu einem Straßenfest mit kleiner Bühne und ein paar Ständen. Schon aus mehreren hundert Metern Entfernung dröhnte es mir entgegen: „Bumm, bumm … bumm, bumm … bumm, bumm …“ – Ein angebräunter DJ im Ballermann-Modus hat dort wirklich alles gegeben, um das Fest schon am frühen Nachmittag in eine Party-Meile zu verwandeln. Ich kann es bezeugen: Mindestens vier Leute haben getanzt.

Ich dagegen stand genervt herum. Den wummernden Bass konnte ich noch im Blinddarm spüren, so laut war es da. „Man kann sich gar nicht richtig unterhalten“, war der Satz, mit dem ich mich dann endgültig als alternde Spaßbremse geoutet habe. Das hat dort zwar kaum jemand gehört, weil’s so laut war. Aber kaum hatte ich es ausgesprochen, war mir – mal wieder – klar: „Oh Mann, ich werde alt!“

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So geht’s mir tatsächlich immer öfter – in Kneipen, bei Konzerten, teilweise auch im Kino. Wenn aus jungen hippen Mode-Läden in der City laute Musik dröhnt, mache ich einen großen Bogen drum herum. Wenn ein Junggesellenabschied im Regional-Express den Ghettoblaster auspackt, setze ich mich ganz schnell um. Und wenn im Restaurant die Hintergrund-Musik zur Vordergrund-Beschallung wird und sich das komplette Personal darüber freut, bin ich genervt und beschwere mich beim Kellner über die laute Musik. Das alles klingt vermutlich so spießig, wie es auf mich wirkt, während ich es schreibe.

So schrecklich spießig will ich jedenfalls nicht auf die junge Frau in der Wohnung unter mir wirken. Was also tun, wenn sie den nächsten „Bumm, bumm“-Feierabend startet? Ich könnte wutschnaubend nach unten stürmen, mir die Lärmbelästigung verbitten und mit einem Anruf bei der Polizei drohen. Ich könnte auch ganz freundlich unten an die Tür klopfen und höflich um Einhaltung der Nachtruhe nach 22 Uhr bitten. Oder ich wähle die charmante Ruhrpott-Variante und stampfe einfach so lange mit einem Besen auf den Boden, bis sie ein Einsehen hat.

Egal, wie ich mich entscheide: In jedem Fall werde ich für sie wohl „der spießige alte Sack von oben“ sein, der doch ruhig mal gelassener sein könnte. So hätte ich mich vor 20 Jahren ja auch gesehen. Zumindest bin ich immer noch jung genug, um mich über die laute Musik der „jungen Leute“ herrlich aufzuregen und altersentsprechendes Herzrasen zu kriegen: „Bumm, bumm … bumm, bumm … bumm, bumm …“

... und Deine Meinung?