… wenn Du bei „H&M“ gesiezt wirst

Siezen bei H&M

Ich bin richtig zusammengezuckt, als ich zum ersten Mal bei „H&M“ gesiezt wurde. Ich muss damals so um die 15, 16, 17, Jahre alt gewesen sein. In der Zeit war „H&M“ die Hauptanlaufstelle für junge Leute, die sich die ganz teuren Markenklamotten nicht leisten konnten oder wollten. Für „New Yorker“ war ich nie cool genug, „C&A“ hatte ernsthafte Image-Probleme, „KiK“ war sowieso indiskutabel und „Primark“ in Deutschland noch völlig unbekannt. Auch Online-Händler wie „Amazon.de“ oder „Zalando“ hatten den Mode-Markt noch nicht umgekrempelt. Wenn ich also meinen Kleiderschrank auffüllen wollte, war der Gang zu „H&M“ fast alternativlos.

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In der Dortmunder Innenstadt gab es damals zwei Filialen der schwedischen Kette, deren Männerabteilungen ich ziemlich gut kannte. Ich wusste, wo die Kleiderstangen mit den roten Schnäppchen-Schildern versteckt waren und in welchen Umkleiden man sich ungestört im Spiegel betrachten konnte. Anders als richtige Stammkunden kannte ich die hippen Verkäuferinnen und Verkäufer aber nicht mit Namen. Dafür war ich damals zu schüchtern. Ein pubertierender Junge halt, der noch nicht allzu lange für den eigenen Klamottenkauf verantwortlich war. Der in jeder Pommesbude und an jedem Kiosk geduzt wurde.

Das ist jetzt rund 20 Jahre her. Deshalb erinnere ich mich auch nicht mehr genau an die Frage, die ich damals an der Kasse gestellt bekam. Vermutlich war es sowas wie „Brauchen Sie eine Tüte?“ oder „Zahlen Sie in bar oder mit Karte?“. Man muss mir angesehen habe, dass ich verdattert war: Ich wurde zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gesiezt – obwohl ich mir doch noch so schrecklich jung vorkam. Wie ungewohnt. Wie unverschämt!

Durch und durch „Du“

Ich habe in der Situation nicht groß reagiert, mir die Irritation möglichst nicht anmerken lassen und verschämt meine Klamottentüte geschnappt. Andere hätten sich vielleicht geehrt gefühlt. In dem Alter wollen Jugendliche ja oft älter wirken und sind stolz, wenn sie als Erwachsene durchgehen und ernst genommen werden. Ich dagegen war eigentlich ganz zufrieden damit, schluffig-entspannt durchs Leben zu gehen und jugendlich-nahbar zu sein. In meiner Lebenswelt war ich bis dato durch und durch „Du“.

Mit einem kleinen Wort hat mich der H&M-Mitarbeiter plötzlich aus dieser Komfortzone geworfen: Mit dem „Sie“ hat er mich auf einen Schlag älter gemacht, als ich mich zu diesem Zeitpunkt fühlte. Natürlich hat er sich als Mitarbeiter korrekt verhalten: Im Zweifel wird der Kunde natürlich gesiezt. Bei mir hat dieses erste öffentliche „Sie“ aber einen Gedankenstrudel ausgelöst: „Sehe ich schon so alt aus?“ – „Bin ich jetzt wer?“ – „Ist das das Ende meiner Jugend?“ – Teenager lassen sich aber auch leicht verunsichern …

… und heute?

Ich arbeite in der Medienwelt. Hier wird prinzipiell jeder Kollege geduzt, oft auch der direkte Vorgesetzte. Man arbeitet eng und oft unter Zeitdruck miteinander. Ein formales „Sie“ würde die Zusammenarbeit unnötig bremsen. Das bekannte „Du Arschloch“ statt „Sie Arschloch“ fällt dadurch im Alltag zwar öfter, aber man verträgt sich am Ende ja doch wieder und schiebt den Gefühlsausbruch auf den „Stress“.

Als Kunde in Geschäften oder als Gast in der Gastronomie dagegen will ich tatsächlich lieber gesiezt werden. Ein „Du“ würde ich nicht als Kompliment für junges Aussehen interpretieren, sondern als unangenehmes Anbiedern. Andersherum ist es mir auch peinlich, wenn mein Freund – mittlerweile jenseits der 40 – junge Kellner, Verkäufer, Hotline-Mitarbeiter oder sonstiges Klientel einfach duzt, um kumpelig zu wirken und Nähe zu schaffen. Vielleicht will mein Gegenüber ja gar nicht geduzt werden. Oder es bringt ihn ggf. in eine unangenehme Situation, weil sich das „Duzen“ mit den Vorgaben seines Chefs beißt.

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Duz-Freunde und Siez-Feinde verweisen dann oft auf andere Sprachen, in denen der Unterschied gar nicht erst vorkommt: „Im Englischen gibt’s ja auch nur ‚you‘!“ – Macht ja nix. Ich persönlich finde, dass eine gewisse Distanz nicht schadet, wenn man ein Kunden- oder Geschäftsverhältnis jedweder Art eingeht. Ich bin froh, dass mein Vermieter, mein Hausarzt und meine Bankberaterin mich siezen.

Sinneswandel

Was mich nachdenklich macht, ist der Sinneswandel, der sich beim Älterwerden offenbar einschleicht: Junge Leute wollen oft älter wirken, alte Leute wiederum wollen gerne jung wirken. Ich fand damals das „Siezen“ unangenehm, heute möchte ich dagegen nicht von jedem Fremden sofort „geduzt“ werden.

Ich denke, ich sollte einfach mal wieder bei „H&M“ vorbeischauen. Wenn ich mich vorher rasiere, werde ich bestimmt auch mal wieder geduzt. Nur so als Test. Nur mal fürs Ego. Ich werde alt.

Wie hältst Du’s mit dem Duzen und Siezen? Was ist Dir im Alltag lieber? Ich freue mich auf Deine Erfahrungen in den Kommentaren unter diesem Artikel.

... und Deine Meinung?