… wenn Du die Digital-Branche unterschätzt | „dmexco 2016“ in Köln

dmexco 2016 - Teaserbild

Kugelschreiber, Tragetaschen, bunte Bonbons: Wer die dmexco in Köln nicht kennt, könnte sie für eine riesige Werbeartikel-Messe halten. Tatsächlich ist die dmexco die größte Fachmesse für Online Marketing und Digital-Strategien in Europa. Einmal im Jahr preisen sich in der Koelnmesse kreative Köpfe und clevere Strategen aus der Online-Branche an. Sie verteilen Laugengebäck und mixen exotische Cocktails. So wollen sie potentielle Kunden an die Stände ihrer Firmen locken.

dmexco 2016 - Eindruck aus einer Halle
Schnappschuss von der Fachmesse „dmexco 2016“ in Köln

Nebenbei sprechen sie mit Menschen, die sie das ganze Jahr über sonst nur als virtuellen Kontakt kennen. Gemeinsam tauschen sie sich über die angeblich neuesten Trends aus. So ist Video Marketing in diesem Jahr (mal wieder) ein großes Thema. Unterm Strich wollen alle Beteiligten aber vor allem eines: Ihre eigenen Ideen als neu, innovativ und unverzichtbar darstellen – und langfristig damit Geld machen.

Etablierte internationale Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook sind mit ihren pompösen Ständen auf der dmexco genauso vertreten wie kleine verrückte Start-Ups mit einer Hand voll Mitarbeitern. Einige davon werden ihren Messestand im nächsten Jahr sicher nicht mehr benötigen.

Google auf der dmexco 2016
Google auf der „dmexco 2016“ – eine Firma, die im kommenden Jahr sicher wiederkommen darf

Zu zynisch? Dann formuliere ich es als Frage: Wie viele Agenturen für Newsletter-Marketing, Website-Analysen, Suchmaschinenoptimierung oder „Social Media Community Management“ braucht unser Land? Ist der Markt wirklich noch nicht gesättigt? Würde jedes dieser Start-Ups etwa in der „Höhle der Löwen“ überzeugen? Ich sehe förmlich vor mir, wie Investor Frank Thelen in der TV-Show vor den Gründern die Augen verdreht: „Das ist doch nicht neu! Das gibt’s doch alles längst!“

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Riesiges Interesse an der „dmexco“

Die bloße Anzahl von Ausstellern und Besuchern ist für Außenstehende sicher beeindruckend: Vier prall gefüllte Messehallen, lange Schlangen vor den Präsentationssälen, hoffnungslos überfüllte Workshops. Das liegt sicher nicht nur an den unzähligen Freikarten, die die Veranstalter im Vorfeld rausgehauen haben. Das Interesse in und an der Digitalwirtschaft ist offensichtlich riesig.

Viele Menschen auf der dmexco 2016
So sehen Fachbesucher aus.

Anders als erwartet sind auf der dmexco übrigens nicht nur bärtige Jung-Hipster unterwegs, die „was mit Medien“ bzw. „was mit Internet“ machen. Weil offenbar sehr viel Geld im Spiel ist, sieht man vor allem Anzugträger mittleren Alters mit Rollköfferchen sowie reifere Frauen in seriösen Kostümchen, die ganz bestimmt nicht mehr als „Digital Natives“ durchgehen – und vermutlich auch nicht als Hostess.

Wenn also all diese zigtausend Business-Menschen hier mit virtuellen Dienstleistungen in einer großen digitalen „Wolke“ irgendwie echtes Geld verdienen können: Wer baut dann eigentlich noch unsere Häuser? Wer repariert unsere Autos? Wer erzieht unsere Kinder? Wer arbeitet eigentlich noch richtig?

„Wer arbeitet eigentlich noch richtig?“

Genau das ist mit Blick auf die Digital-Branche das wohl größte Vorurteil: Ist das, was da in diesem Internet passiert, eigentlich Arbeit? Arbeit gilt ja in der allgemeinen Bevölkerung oft nur als Leistung, wenn man etwas Handfestes produziert oder etwas Nützliches getan hat. Aber gehört dazu auch eine hohe Google-Platzierung, die Anzahl von Facebook-Likes oder die Öffnungsrate eines E-Mail-Newsletters?

Die wenigsten Konsumenten ahnen wohl, wie viel Geld hinter diesen Dienstleistungen steckt und welchen immensen Aufwand Unternehmen im Hintergrund betreiben, um mit ihren Marken den Anschluss im Netz nicht zu verpassen. Eine ganze Menge Arbeit, und wieder geht es darum, Geld zu verdienen. Im besten Fall immer mehr Geld.

Gerade mir als Medienmacher macht diese digitale Welt viel Freude. Sie macht mich neugierig, und sie unterhält mich. Liegt es an meinem fortschreitenden Alter, dass mir das Internet als Geschäftsfeld trotzdem nicht ganz geheuer ist? Ist man im Alter einfach skeptischer, weil man die nächste platzende Blase schon vorausahnt und deshalb lieber passiv vom Spielfeldrand aus beobachtet, was die aktiven Player auf dem großen Feld „Online Marketing“ so treiben? Unterschätze ich immer noch einen längst etablierten Wirtschaftszweig, der schon lange kein angelamerkelsches „Neuland“ mehr ist?

Präsentation bei der dmexco 2016
Große Bühne, viel Input: Präsentation bei der dmexco 2016 in Köln

Szenenwechsel: Kürzlich war ich bei meiner Bankberaterin. Ich wollte eine angesparte Summe sinnvoll anlegen. Eigentlich halte ich Fonds immer für eine gute Wahl – der Streuung wegen. Sie erzählte mir von einem anderen Kunden. Der hat sein Kapital angeblich verdoppelt, weil er zum richtigen Zeitpunkt in einen gemischten Digital-Fonds mit „Neuen Medien“ investiert hat.

Ich war erstaunt: Man hört als Halb-Laie immer nur, dass die Aktienkurse von Facebook oder Apple eher fallen als steigen. Dass Twitter und Yahoo an der Börse kämpfen. Dass Unternehmen zwangsgeschrumpft oder aufgekauft werden. Ich habe mich also dagegen entschieden und stattdessen meinen konservativen Immobilienfonds aufgestockt. Wie ein obervernünftiger Rentner, der diesem neumodischen Kram nicht so recht traut. Ich glaube, ich werde alt.

Viel zu verdauen …

Frozen Yogurt mit Erdbeeren
Diesen Frozen Yogurt habe ich mit freundlicher Unterstützung der RTL Mediengruppe gegessen.

Nach der dmexco 2016 und einem langen anstrengenden Tag muss ich einige Dinge verdauen: das Rührei mit Speck vom Amazon-Stand, den Frozen Yogurt mit frischen Erdbeeren von der RTL Mediengruppe und die Pizza von einer Internet-Firma, deren Namen ich nach dem ersten Bissen schon wieder vergessen habe.

Aber auch darüber hinaus habe ich viele Dinge mitgenommen – keinen einzigen Kugelschreiber, dafür aber spannende Anregungen für meine praktische Arbeit. Als Mitarbeiter in einem nicht-kommerziellen Medienprojekt bin ich für solche Input-Angebote extrem dankbar. Gleichzeitig muss ich einsehen: Mit den Budgets der Medienkonzerne können wir mit unserem kleinen Team sowie einem überschaubaren Finanzhaushalt eben nicht mithalten. Was die Großen auf der dmexco für ihren Messestand ausgeben, haben wir vermutlich nicht mal in einem ganzen Jahr zur Verfügung.

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„Dann müssen wir das eben mit Einsatz und Herzblut wieder wettmachen“, denke ich optimistisch, mache mich auf den Weg nach Hause und nehme mir vor, die Digital-Branche eine Spur ernster zu nehmen. Meine Fahrkarte für den Heimweg kaufe ich bewusst nicht am Automaten, sondern lässig per Smartphone als Handyticket. Soooo alt bin ich nämlich auch wieder nicht … 😉

2 Gedanken zu „… wenn Du die Digital-Branche unterschätzt | „dmexco 2016“ in Köln“

  1. lol! Bezugnehmend auf Deine Szene bei der Bankberaterin: Als ich 2000 noch nicht ganz so alt war wie heute, habe ich mir auch einen neuen Medien Fonds andrehen lassen. Das Teil lungerte 8 Jahre lang tief in der Verlustzone rum, bis ich es mit einem leichten Verlust verkaufen konnte. Im übrigen wirst Du wirklich alt. Man geht heute nicht mehr zur Bankberaterin. Die Fin tech kommt über das Smartphone zu einem.

    1. Hey, vielen Dank für Deinen Kommentar! 🙂 Meine Bankberaterin ist super. Ich bekomme immer was zu trinken, kleine Werbegeschenke und lerne viel. Bislang hat sie mein Geld auch eher vermehrt als verbrannt. Ein Hoch auf die gute alte Sparkasse! *g*

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