… wenn 1LIVE im Radio nervt

Du weißt, Du wirst alt, wenn 1LIVE im Radio nervt

„Ich liebe 1LIVE!“ – Diesen Satz hätte ich vor fünf, zehn, sogar vor zwanzig Jahren noch mit bestem Gewissen unterschrieben. Mit 1LIVE führe ich schließlich die bislang längste feste Beziehung meines Lebens. Wir hatten glückliche Jahre. Wir sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen, durch gute und schlechte Zeiten.

Ich bin jetzt aber an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr mit Dir kann, 1LIVE. Du nervst mich immer öfter, wenn Du mich weckst, wenn Du per Radio mit mir sprichst, wenn wir den Tag gemeinsam verbringen. Wir haben uns auseinander gelebt. Wir sollten uns trennen.

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Es war Liebe auf den ersten Blick, als am 1. April 1995 aus WDR 1 die neue Jugendwelle 1LIVE wurde. Ich war damals noch Schüler und vom Start weg Dauerhörer, fasziniert von diesem ungewöhnlichen Radioprogramm, das mir plötzlich so viel neuartigen Input eröffnet hat. 1LIVE war anders. Die Macher wollten jünger, frecher, frischer daherkommen. Sie haben bei mir einen Nerv und tief ins Herz getroffen.

Fortan war 1LIVE ein fester Teil meines Alltags. Ich bin mit 1LIVE aufgewacht, mit 1LIVE unterwegs gewesen und mit 1LIVE eingeschlafen. Ich habe keine „SonderBar“ verpasst, zum „Partyservice“ getanzt, beim „Rucksack“ immer aufgepasst und beim „Raabio“ über Professor Hase geschmunzelt. Bis heute liebe ich es, bei „Domian“ mitzustaunen, mitzuleiden und mitzuweinen.

Durchschnittliche Disco-Stampfer von DJ-Dödeln

1LIVE hat den Soundtrack meines Lebens geprägt! Radio und Musik gehören für mich untrennbar zusammen. Dank der fabelhaften 1LIVE-Musikredaktion habe ich über die Jahre viele tolle Songs kennengelernt, die ich im NRW-Lokalradio oder bei Dudel-Stationen wie HR3 wohl nie wahrgenommen hätte. Selbst nach 20 Uhr – wenn das 1LIVE-Programm verlässlich von der Charts-Rotation abweicht – konnte ich der alternativen Musikauswahl immer viel abgewinnen, auch als bekennender Mainstream-Konsument.

Heute schalte ich im Auto immer öfter weg, wenn „fette Beats“ und „derbe Bässe“ aus dem Lautsprecher wummern. Wie sehr mich laute Musik anstrengt, habe ich Euch ja bereits beschrieben. Dazu kommt: Die aktuellen Hits bei 1LIVE langweilen mich. Bei lieblosen Cover-Versionen wünsche ich mir die Originale zurück. Selbst die vermeintlich neuen Songs habe ich alle gefühlt schon zig mal gehört. Auf dem „Soundtrack meines Lebens“ ist jedenfalls kein Platz für diese durchschnittlichen Disco-Stampfer von DJ-Dödeln wie David Guetta, Calvin Harris oder Felix Jaehn. Die kann die „Generation Y“ gerne für sich proklamieren!

„Aber Willy, das ist doch ein Kinderhörspiel!“

Wie Musik ist auch Comedy Geschmackssache. Was habe ich mich gefreut, wenn der „1LIVE Ponyhof“, die „Grillstube Saloniki“ oder die „Musikschule Lempinski“ ihre Pforten geöffnet hatten. Wenn die „ReimReiter“, Sataan oder der kleine junge Zivi von nebenan zu hören waren. Wenn Lukas aus seinem Tagebuch vorgelesen und Jesus auf seiner Gitarre gespielt hat. Wenn das „Radio-Rätsel“ gelöst werden wollte. Damals komisch, heute Kult … oder verkläre ich da was in meinem fortgeschrittenen Alter?

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Die 1LIVE-Comedy-Reihen der Folgejahre konnte ich noch wohlwollend ertragen: Jimmy Breuer, Dennis aus Hürth, Tony Mono sowie „Noob und Nerd“ wirkten auf mich aber schon wie angestrengte Bemühungen, auf Biegen und Brechen neue Figuren zu etablieren. Wenn nun dieser selten unlustige „Babo-Bus“ täglich vorfährt, suche ich verzweifelt und erfolglos die Pointen. Oder ich verstehe die ganzen Anspielungen nicht, weil ich diese komischen Rapper von heute bekanntermaßen nicht mehr kenne. Dann muss ich wohl endgültig einsehen: Diese Comedy wird für eine andere Generation produziert! Das ist nicht mehr meine „Hood“, mein „Block“, mein „Game“. Oder so.

1LIVE-Moderatoren – wie enge Vertraute

Jeden Montagmorgen, wenn mein Radiowecker anspringt, hoffe ich inständig, dass es eine Olli-Briesch-und-Michael-Imhof-Woche wird. An Andreas-Bursche-und-Tobi-Schäfer-Wochen habe ich mich mittlerweile auch ganz gut gewöhnt. Die vier sind aktuell noch meine Anker im 1LIVE-Programm, so wie es schon viele Moderatoren vor ihnen waren: Noah Sow, Jörg Thadeusz, Miriam Pielhau, Thomas Bug, Sabine Heinrich, Thorsten Schorn, Dietz und Terhoeven – wie enge Vertraute haben sie mich in den vergangenen 20 Jahren durchs Leben begleitet. Sie haben mich gleichermaßen informiert und unterhalten – ein schwieriger Balance-Akt, der 1LIVE immer bestens gelungen ist.

Am Wochenende dagegen höre ich jetzt immer öfter Stimmen, die mir fremd vorkommen. Ich kann mir ihre Namen auch nicht merken. Warum auch? Die neueste Moderatoren-Generation spricht eh nicht mehr meine Sprache. Ihre Sätze klingen wie aus dem PONS-Jugendwörterbuch. Und immer wieder sagt der Nachwuchs im Radio öffentlich Dinge, bei denen ich als End-Dreißiger erschrocken zusammenzucke: „Hat der das gerade wirklich gesagt?“„Das darf die doch so nicht sagen!“„Da hören doch Jugendliche zu …“

Mein Abschied als 1LIVE-Hörer

Wir passen einfach nicht mehr zusammen: Ich bin älter und reifer geworden. Du, 1LIVE, willst unbedingt jung und frech bleiben. Den „Steinflüsterer“ hast Du bereits unsanft vor die Tür gesetzt. Ich werde freiwillig gehen. Spätestens zum Jahresende will ich mir einen anderen täglichen Gefährten suchen. Ein guter Anlass: Dann verabschiedet sich nämlich auch Telefon-Talker Jürgen Domian aus dem 1LIVE-Programm. Ein Ende mit Schrecken.

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Doch mit wem will ich in Zukunft einschlafen und aufwachen? Bleibe ich in der Familie und folge Frau Heinrich zu WDR 2? Bin ich bei WDR 4 schon willkommen, obwohl ich die Wechseljahre noch vor mir habe? Erspare ich mir sämtliches Charts-Gedudel und lasse mich bei WDR 5 zutexten / informieren? Oder ertrage ich freiwillig Werbung, Gewinnspiele und den „Hit vor halb“ im NRW-Lokalradio? Oder sollte ich mal über den Tellerrand schauen und mir per Internet eine reife Fernbeziehung suchen? Hey, radioeins – *zwinker, zwinker* – wie wär’s denn mal mit uns?

Was nervt Euch bei 1LIVE? Welchen Radio-Sender hört Ihr am liebsten? Ich freue mich über Eure Kommentare unter diesem Artikel.

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